Rund um den Schaffhauser Radrennsport

GASTSPIEL              Der Landbote            Marc Dahinden

Stefan Küng gibt nach jeder Tour-de-France-Etappe Einblick in seinen Tag.

Mo, 16.07.2018   Wie war Ihr Tag?

Stefan Küng: Ziemlich crazy. Zuerst war da der Sturz von Richie (Porte). Aber das ist Radrennsport, Stürze passieren – er konnte nichts machen. Auch danach war es ein ziemliches Gemetzel. Aber wir kamen dann recht gut durch, Greg (Van Avermaet, der Gesamtleader und Etappenzweite) machte einen super Job vorne.    

Fühlt sich Roubaix–Pavé im Hochsommer anders an als im Frühjahr?

Es ist noch etwas heisser, das Trinken noch etwas wichtiger – doch wegen der Hektik kriegt man kaum genug Flaschen. Als ich mich mal zum Teamauto zurückfallen liess, ging vorne gleich ein Loch auf – und ich war eine Gruppe weiter hinten. Es war nicht mein bester Tag, ich spürte die Beine nach dieser harten Woche.    

Spezielle Pläne für den Ruhetag am Montag – neben den üblichen Programmpunkten?

Nein. Ein Kaffeefährtchen, eine lange Massage – und ausschlafen, mich generell etwas ausruhen. Worauf ich mich freue: ­Einige Freunde werden mich ­besuchen kommen.    

Nun folgen die Bergetappen. Wie sehr freuen Sie sich?

Ich freue mich in dem Sinn, dass ich nicht mehr täglich an der Spitze des Felds keilen muss, Positionskämpfe ausfechten. Aber zuerst freue ich mich nun auf den Ruhetag. Interview: ebi

Mi, 18.7.2018   Wie war Ihr Tag?

Mein Tag war super. Am Anfang war es etwas mühsam, den Motor in Betrieb zu bringen, weshalb ich nicht versuchte, in die Spitzengruppe zu gehen. Doch dann gingen die Beine «auf», und es wurmte mich ziemlich, dass ich nicht vorne mitfuhr.    

Welches Mödeli Ihres Zimmerkollegen könnte noch zum ­Problem werden?

Ich teile das Zimmer mit dem Neuseeländer Paddy Bevin. Bis jetzt zeigte er keine Mödeli. Wir haben den gleichen Schlafrhythmus, das ist sehr, sehr wichtig – ungefähr die gleichen Angewohnheiten zu haben. Wir legen uns eher früher hin, etwa um 22.30 Uhr. Zudem ist er ein ­ruhiger Zeitgenosse.   

Wie kühlen Sie sich nach so einem Tag ab?

Heute war es gar nicht so heiss. Aber ich dusche immer kalt, das hilft.   

Befürworten Sie Scheiben- oder Felgenbremsen?

Beides. Scheibenbremsen sind die Zukunft, haben aber noch ein paar Kinderkrankheiten: Bei ­langen Abfahrten etwa werden die Scheiben sehr heiss, da hat man noch keine gute Lösung ­gefunden. Aber auf den Flachetappen fuhr ich zuletzt immer mit Disc. In den Bergen wähle ich Felgenbremsen, die sind auch tipptopp. Interview: ebi

Do, 19.7.2018   Wie war Ihr Tag?

Stefan Küng: Ich war in der Spitzengruppe – wo für mich ja eh nichts zu holen war. Damiano (Teamkollege Caruso) machte sein Ding – und ich versuchte mit so wenig Kraftaufwand wie möglich durchzukommen. Das gelang mir recht gut. Es war aber für jeden Fahrer ein brutal harter Tag.    

Sie sassen ja nicht einmal vier Stunden auf dem Velo. Was machen Sie mit der freien Zeit?

Wenn die Etappe um 14 Uhr startet, hat man am Morgen viel Zeit. Da versuche ich so lange wie möglich zu schlafen, weil ich stets spät ins Bett komme. Ich las ein wenig, dann hatten wir noch Dopingkontrolle. Wahnsinnig viel Zeit haben wir trotzdem nicht, vor allem wegen der Transfers.   

Sie erlebten als Jugendlicher die Tour an der Alpe d’Huez. Was ist Ihre stärkste Erinnerung?

Der Holländer-Corner. Und dass in jeder Kurve ein ehemaliger ­Gewinner mit einer Tafel verewigt ist. Aber ganz genau kann ich mich an den Anstieg nicht erinnern. Darum freue ich mich auf die Auffrischung. Es werden auch einige Bekannte von mir am Strassenrand stehen.    

Sie schwitzen täglich literweise in Ihren Helm hinein. Wie wird der gewaschen?
Am Ruhetag, mit Wasser. Wichtig ist, die Polster regelmässig zu wechseln. Interview: ebi

Fr, 20.7.2018   Wie war Ihr Tag?

Stefan Küng: Hart. Drei rechte Alpenanstiege, ein zügiges Tempo, im Tal die Hitze, wirklich ein solider Tag, den nun alle spüren werden.    

Bester und schlechtester Moment hinauf nach Alpe d’Huez?

Der schlechteste war ganz unten, als ich dachte: «Boah, noch 13 Kilometer!» Die ersten fünf waren nicht so angenehm. Danach konnte ich es doch noch etwas geniessen mit den Leuten, die Welle machen und solche Sachen. Der beste Moment war, bekannte Gesichter zu sehen, etwa die Eltern meiner Freundin.   

Ihr Team hat keinen echten Leader mehr – was haben Sie bis zum Zeitfahren für Ziele?

Das Ziel wäre, in eine Fluchtgruppe zu gehen, jetzt, wo so viele Sprinter raus sind. Das ist positiv für diese Ambitionen, vielleicht schon am Freitag. Mal schauen – probieren, probieren.    

Interessiert Sie, was im Rennen an der Spitze läuft?

Natürlich, das hat einen direkten Einfluss darauf, wie hinten gefahren wird. Heute hatte ich jedoch den Funk fast nie im Ohr. Wenn ich leide, interessiert es mich nicht, was sie vorne machen. Dann schaue ich nur aufs Hinterrad des Vordermanns.   

Verschenken Sie manchmal nach einer Etappe Ihr Trikot – wie die Fussballer?

Sicher nicht. Viele Leute am Strassenrand interessiert nur unser Bidon, den können wir weggeben. Alles andere brauchen wir wieder. Früher auf der Bahn hingegen tauschten wir unter Fahrern Trikots. Interview: ebi

Mo, 23.7.2018   Wie war Ihr Wochenende?

Stefan Küng: Ach stimmt, es war ja Wochenende. Wir verlieren hier völlig die Orientierung, ­welcher Wochentag gerade ist. Es war hart. Am Samstag in der Fluchtgruppe – am Sonntag am Start spürte ich das immer noch. Aber danach ging es. Und nun am Ruhetag folgt unser Wochenende.    

Wie viele Kurznachrichten ­warten nach einer Etappe auf Ihrem Handy?

Kommt darauf an. Wenn man gewinnt, sind es weit über hundert. Nach einer normalen Etappe wohl so viel wie bei jedem anderen nach einem Arbeitstag.   

Finden Sie immer Zeit, um ­während der Etappe zum ­Pinkeln anzuhalten – oder ­müssen Sie es sich manchmal bis zum Ziel verkneifen?

Es gibt schon hektische Etappen, in denen es keine Zeit dafür gibt. Wenn, dann musst du gleich am Anfang gehen – aber da warst du ja vor dem Start im Teambus auf der Toilette. Sonst geht es auch direkt vom Velo – wenn es nicht allzu viele Leute am Strassenrand hat. Manchmal bleibt einem aber wirklich nichts anderes als zu verklemmen. Wobei du es im ­Finale sowieso vergisst.   

Noch eine Woche: Freuen Sie sich auf ein bestimmtes Hotel oder einen Ort?

Ich freue mich auf den Montag: Wir sind in Carcassonne, und ich werde die schöne Altstadt entdecken gehen. Interview: ebi

Mi, 25.7.2018   Wie war Ihr Tag?

Stefan Küng: Ereignisreich. Der Tränengaseinsatz, das war definitiv etwas Neues für mich. Danach versuchte ich etwa 100 Mal, in die Fluchtgruppe zu gelangen, ohne Erfolg.    

Welche Werte zeigt Ihr Velocomputer an?

Entweder habe ich die Karte drauf oder den Data-Screen mit Geschwindigkeit, Distanz, Zeit und Watt-Leistung.    

Als naher Beobachter: Wer gewinnt diese Tour?

Ich glaube, Geraint Thomas macht es. Er sieht souverän aus. Die Sprint-Bergetappe könnte noch für Veränderungen sorgen, aber sie kommt ihm entgegen: Da wird man nicht taktieren können, sondern einfach Vollgas fahren. Es ist die dritte Woche, aber es sind nicht Etappen wie am Giro: Die Anstiege sind nicht so lang, ich sehe keine grossen Einbrüche. Andererseits: Es war die ganze Tour um die 30 Grad warm – das geht nicht an allen spurlos vorbei.   

Hören Sie im Zimmer Musik? Gibt es einen Tour-Hit?

Ab und zu Schweizer Musik, momentan ist mein Favorit Hecht. Und kürzlich lief Michi (Schär) und mir «Fischer» von Patent Ochsner nach.  Interview: ebi

Do, 26.7.2018   Wie war Ihr Tag?

Stefan Küng: Kurz, aber heftig. Es war eine gute Etappe, wir Fahrer sind Abwechslung gegenüber positiv eingestellt. Aber: So kurz die Etappe war, so lange ist der Transfer danach: Wir waren erst um 21 Uhr im Hotel.   

Wie viel Sonnencreme brauchen Sie während der Tour?

Ich bringe immer meine eigene mit, Sensolar. Ich brauche etwa 250 Millimeter, Schutzfaktor 25. Ich trage eher zu viel als zu wenig auf, weil ich sicher keinen Sonnenbrand will. Über die Saison ist es wohl etwa ein Liter.   

Rasiert der Radprofi öfter die Beine oder das Gesicht?

Ich bin gar kein Freund des Rasierens, sei es an den Beinen oder im Gesicht. Es sch... mich offen gesagt an. An den Beinen wachsen bei mir die Haare zum Glück nicht zu stark, da rasiere ich ein Mal die Woche, damit ich keine Hautirritationen habe. Im Gesicht alle fünf Tage – also öfter.   

Gefallen Ihnen die Pyrenäen oder die Alpen besser?

Landschaftlich haben mir die ­Pyrenäen super gefallen, auch der Baustil der Häuser. Aber man kann es nicht vergleichen. Früher, als ich die Tour noch im Fernsehen schaute, hiess es immer, die Alpen seien weniger steil als die Pyrenäen. Das kann ich also definitiv nicht bestätigen! Interview: ebi

Sa, 28.7.2018   Wie war Ihr Tag?

Stefan Küng: Hart und brutal heiss. Heiss nicht unbedingt von der Temperatur her, aber es war feucht wie in einem Dampfbad. Ich hatte das Gefühl, ich laufe aus. Und ich wurde heute angegriffen von einer französischen Wespe. Das nehme ich persönlich, morgen schlage ich zurück.   

Haben Sie einen Talisman? Oder sind Sie sonst irgendwie abergläubisch?

Einen Talisman eigentlich nicht. Aber wenn man eine Brille trägt und mit dieser Erfolg hat, zieht man diese gerne wieder an. Es sind eher kleine Dinge, aber sonst eigentlich nichts.   

Was geht stilmässig gar nicht auf dem Velo?

Alles, was hochgekrempelt ist. Ausser man macht es bewusst. Zum Teil mache ich das, um gegen den Trend anzukämpfen. Sonst gehören die Hosen und die Trikotärmel schön runter-, und die Socken hochgezogen, sodass es keine Rümpfe gibt, das finde ich am schlimmsten. Simon Spilak ist zum Beispiel so ein Spezialist, der das jeweils macht.   

Was machen Sie als Erstes, wenn Sie nach einer Etappe in den Teambus kommen?

Ausziehen und duschen, dann trinke ich einen Recovery-Shake und esse etwas.   

Morgen ist Ihr grosser Tag. Was rechnen Sie sich im Zeitfahren aus?

Schwierig zu sagen, in den Top 4 sind alles gute Zeitfahrer. Es wird brutal schwer, ein Test der Frische und Fitness. Ich will das Beste abliefern und gehe mit hohen Ambitionen an den Start. Das Ziel ist, zu gewinnen. Ich weiss, dass es sehr schwierig wird, aber ich fühle mich gut. Interview: ebi

Mo, 30.7.2018   Wie war Ihre Tour?

Stefan Küng: Es lief mir viel besser als bei ­meiner ersten Tour 2017. Die härteste Etappe war jene nach Alpe d’Huez. Einfach, angenehm? War es nie.   

Der verrückteste Fan?

An Alpe d’Huez sieht man alles. Aber ich mag die nicht erwähnen. Die verrücktesten finde ich jene, die jeden Tag am Strassenrand stehen.   

Der beste Spruch auf der Strasse?

Natürlich das grosse King-Küng-Graffiti hinauf zur Alpe d’Huez.   

Höhe- und Tiefpunkte bezüglich Hotels?

Höhepunkt ganz am Schluss in Pau, direkt an einem Park gelegen. Tiefpunkte gab es kaum, wir hatten Glück.   

Die schönste und schlimmste Etappe?

Der Etappensieg im Teamzeitfahren. Die schlimmste war die nach Roubaix mit dem Sturz unseres Leaders Richie Porte – und mir lief es auch nicht so an ­jenem Tag.   

Haben Sie einen neuen Lieblingspass entdeckt?

Nein. Pässe sind im Training schön, im Rennen tun sie weh. Die Pyrenäen gefielen mir aber landschaftlich schon sehr gut.   

Wie viele Defekte und Stürze hatten Sie in den drei Wochen?

Zwei Defekte – und kein Sturz!   

Welche Region werden Sie mal ohne Velo besuchen?

Die Etappe nach Mende, durch die Ardèche, war superschön, das habe ich mir definitiv notiert.   

Wie viele Bücher lasen Sie in den drei Wochen – und haben Sie eine Empfehlung?

Fünf, heute begann ich das sechste. Meine Empfehlung: «Beartown» von Frederik Backman, eine Geschichte über ­Eishockey.   

Was werden Sie von der Tour vermissen – und was nicht?

Nicht vermissen: die langen Transfers und späten Nacht­essen. Vermissen: das ganze Drumherum; so viele Leute am Strassenrand hat es an keinem anderen Rennen.   

Worauf freuen Sie sich nun?

Auf die Zeit mit der Freundin in Paris. Dann die Familie, das Schweizer Brot. 

Interview: ebi

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