Rund um den Schaffhauser Radrennsport

Die Möglichkeit des Unmöglichen

TOUR DE FRANCE

Ist Chris Froome ein Epochenfahrer wie Anquetil, Hinault oder nur ein extremer statistischer Ausreisser? Ein inneres Zwiegespräch von Emil Bischofberger

Heute Mittag startet die Tour in Noirmoutier-en-l’Île, und ich muss etwas vorausschicken: Ich bin gespalten.

Was soll ich anfangen mit Chris Froome in diesem Rennen, nach dieser Vorgeschichte? Nach dem zehnmonatigen Doping-Verfahren gegen ihn, das erst am Montag beendet, respektive eingestellt wurde. Nach seinem Sieg am Giro d’Italia im Mai, den er dank eines Coups auf der Königsetappe gewann.

Ein erneuter Froome-Tour-Sieg? Unmöglich – das sagt die Radgeschichte. Nein, nicht die kurzfristige. Da steht, dass der 33-jährige Brite vier der letzten fünf Austragungen gewonnen hat. Der Blick geht weiter zurück, zwanzig Jahre, bis 1998. Es war die Tour mit dem Festina-Skandal, doch darum soll es hier nicht gehen. Sondern um den damaligen Gesamtsieger Marco Pantani. Der Italiener war damals der Letzte, der Giro d’Italia und Tour de France im selben Jahr gewann.

Seit 1998 traten nur gerade fünf Giro-Sieger überhaupt im Juli zur Tour an, und einzig Alberto Contador tat dies mit dem erklärten Ziel, auch in Frankreich zu siegen. 2011 und 2015 war das, beide Male wurde der Spanier Fünfter. Das sind eigentlich achtbare Resultate, doch Contador war beide Male nicht in der Verfassung, um wirklich um den Sieg mitzufahren.

Dieses Double scheint also heute schlicht unmöglich, selbst ohne die vielen Querelen, Windungen und Anschuldigungen, die Chris Froome in den vergangenen Wochen und Monaten erlebte. Und doch dreht es in meinem Kopf weiter, schafft es eine einfache Frage, mich von der sicheren Überzeugung der Unmöglichkeit abzubringen: Wer soll denn sonst gewinnen?

Ja, wer sonst? Klar kann ich zwei Hände voll valabler Siegesanwärter aufzählen. Nur haben all diese Fahrer (ausser Vincenzo Nibali) etwas gemein: Sie haben die Tour de France noch nie gewonnen.

Klare Meinung der Buchmacher

Erst recht ins Zweifeln bringen mich die nüchternsten aller Kalkulatoren: die Buchmacher. Ihre Wettquoten sprechen für Froome als überlegenen Sieger: 2.50 Franken ist alles, was der Radzocker für einen Franken Einsatz auf den Sieg des Titelverteidigers erhält. Bei seinen Konkurrenten dagegen sind es 5, 10, 11, 13 Franken – danach geht der potenzielle Gewinn zügig Richtung 20 und mehr.

Vielleicht müsste ich einen Schritt zurücktreten, weg von der Zeit seit 2012, als ich Froome an der Tour erstmals begegnete. Denn seit vergangenem Juli gehört er in eine eigene Klasse: Der Captain des Teams Sky ist der einzige vierfache Tour-Sieger der Geschichte. Über ihm stehen noch vier Fahrer, die alle fünf Mal siegten: Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain.

Was das Quartett ebenfalls gemein hat: Ihnen allen gelang mindestens ein Giro-Tour-Double. Komplettiert wird der Double-Club von zwei Italienern, Fausto Coppi und Pantani.

Jeder von ihnen steht für seine Epoche. Coppi für die 40er- und 50er-Jahre, Anquetil für die 60er, Merckx für die 70er, Hinault für die 80er, Indurain für die 90er. Pantanis Aufschwung zum Jahrtausendwechsel kam zur selben Zeit wie jener eines anderen – des mittlerweile aus den Tour-Siegerlisten gestrichenen Amerikaners.

Die 2010er-Jahre nun prägte Froome, der vierfache Tour-Sieger. Ein Maillot Jaune in Paris ist er noch von den anderen entfernt.

Die sechs Epochenfahrer haben aber eine weitere Gemeinsamkeit: Jeder von ihnen dürfte seine herausragenden physischen Fähigkeiten mit jenen leistungssteigernden Mitteln gesteigert haben, die zur jeweiligen Zeit gerade angesagt waren. Zu Coppis und Anquetils Zeiten kokettierten die Stars gar noch mit ihrem Dopingkonsum. Merckx wurde deswegen einmal vom Giro ausgeschlossen, bei Hinault steht eine verweigerte Dopingprobe als Klecks im Reinheft. Auch Pantani wurde vom Giro heimgeschickt, 1999, offiziell wurde er wegen seines unbestritten umfangreichen Epo-Konsums aber nie belangt – auch weil die Rechtsmittel noch fehlten. Erst langsam setzte zu jener Zeit die Erkenntnis ein, dass Doping kein Kavaliersdelikt ist.

Warten wir die drei Wochen ab

Diese Sichtweise ist mittlerweile längst Common Sense. Womit sich mir die Frage stellt: Kann es auch in der heutigen Zeit überhaupt noch einen solch epochalen Fahrer geben? Ich weiss keine abschliessende Antwort. Froome hat sich bislang nichts zu Schulden kommen lassen. Am Montag wurde das Doping-Verfahren gegen ihn eingestellt. Angesichts der derzeit bekannten Fakten wohl völlig zurecht.

Uns bleibt darum nur, die kommenden drei Wochen abzuwarten. Sie werden zeigen, ob Froome ein Epochenfahrer ist – oder nur ein extremer statistischer Ausreisser.
Emil Bischofberger

TOUR-FAVORITEN

Chris Froome (33, GBR) Hält er bis am Ende durch? Ein solches Gambling kann sich nur leisten, wer alles schon erreicht hat. Wegen der zusätzlichen Woche Pause zwischen Giro d’Italia und Tour entschied sich Chris Froome, erstmals beide Rennen zu bestreiten. Den Giro gewann er. Beim zweiten ist er der Favorit, weil keiner so komplett ist wie er: Er hat das beste Team, er ist der beste Zeitfahrer – und bergauf können ihn seine Konkurrenten nur an einem schlechten Tag nervös machen. Womit wir bei der grossen Frage sind: Wird ein solcher gegen das Ende hin kommen, weil Froome eben doch etwas müder ist als seine Gegner?

Nairo Quintana (28, COL) Spektakel ist garantiert Es ist nicht verbürgt, wie Nairo Quintana reagierte, als Ende November bekannt wurde, dass Chris Froome den Giro d’Italia bestreiten würde. «Endlich», dürfte er sich gedacht haben, endlich sei seine Zeit gekommen. Schon dreimal winkte er in Paris neben dem Briten vom Podium, stets war dieser noch ein Spürchen stärker gewesen. Sicher ist: Sein Team Movistar wird für Spektakel sorgen. Die Hierarchie ist mit Mikel Landa und Alejandro Valverde neben Quintana nicht ganz so klar wie in den anderen Spitzenequipen.

Richie Porte (33, AUS) Endlich ohne «jour sans» Es gibt zwei Arten von Leadern im Radsport: Jene, die das eine Karriere lang sind. Und jene, die als Helfer irgendwann zu stark sind und es selber versuchen. Porte gehört als ehemaliger Leutnant von Froome zur zweiten Gruppe. Mit BMC versucht er sich zum dritten Mal. Offiziell ist sein Ziel das Podium in Paris. Inoffiziell denkt er an den Sieg. Dafür muss er beweisen, dass er über drei Wochen konstant sein kann: In der Vergangenheit zog er noch jedes Mal einen «jour sans» ein.

Romain Bardet (27, FRA) Die Last der grossen Nation Vom letzten französischen Tour-Sieger Bernard Hinault ist ein Bonmot bekannt. «Solange ich atme, attackiere ich», sagte der fünffache Tour-Sieger einmal. Die Aussage könnte auch von Romain Bardet stammen. Er hat zwar nicht die Anlagen zum Chouchou der Nation, aber ihm fliegen die Herzen wegen seiner offensiven Fahrweise zu. Nach zwei Podestplätzen träumt er vom grossen Coup.

Vincenzo Nibali (33, ITA) Bereit, seine Chance zu packen 2014 ratterte die Tour zum letzten Mal in Roubaix über die Pavé-Steine. Vincenzo Nibali machte das Spass. Im Finale fuhr er gar den Spezialistendavon und wurde Etappendritter – derweil Chris Froome an diesem Tag und nach mehreren Stürzen das Rennen aufgab. Nibali wusste um die Chance und liess sie sich nicht entgehen: Er gewann die Tour überlegen. Im Vergleich zu 2014 soll die diesjährige Roubaix-Etappe deutlich anspruchsvoller sein. Nicht zur Freude der Anwärter auf den Gesamtsieg. Mit einer Ausnahme. ebi 
  

Auszug aus "Der Landote" vom 7-7-2018

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