Rund um den Schaffhauser Radrennsport

Nicht ohne seinen Bruder

                             Keystone

Dem Briten Simon Yates gelingt mit dem Vuelta-Sieg der grösste Erfolg der Karriere – ausserhalb des bekannten Biotops von Team Sky.

Nachdem Simon Yates (Bild) seine beste Leistung als Radprofi vollendet hatte, ging sein erster Dank, natürlich, an Adam. In seinem Wohnort Andorra liess sich Yates nicht mehr aus der Reserve locken und verteidigte souverän sein rotes Leadertrikot. Gestern Abend wurde er in Madrid aufs Podium gerufen und als Vuelta-Sieger gefeiert.

Dort stand er ganz alleine, derweil Zwillingsbruder Adam unten stand und ihm zuklatschte. Die beiden hatten erreicht, was ihnen schon in Jugendjahren prognostiziert worden war: Sie gewannen durch Simon eine Grand Tour, eine dreiwöchige Rundfahrt. Vor fünf Jahren, mit 21, hatten die Yates-Brüder die Tour de l’Avenir geprägt, das wichtigste Nachwuchs-Etappenrennen. Simon hatte zwei Etappen gewonnen – eine Bergankunft nach Vorausfahrt mit dem Bruder –, Adam den zweiten Gesamtrang erreicht.

Dass jetzt Simon den ersten ganz grossen Yates-Sieg einfuhr, hat seine Logik. Schon bei der Geburt lag er um einige Sekunden vorne. Die Hierarchie ist geblieben, auch wenn die Differenz eher im Mikrobereich zu suchen ist. Das kann man wörtlich nehmen. Selbst für langjährige Teammitglieder ist es nicht immer einfach, die eineiigen Zwillinge auseinanderzuhalten. Auch darum begann Adam, sich in Rennen einen Dreitagebart stehen zu lassen, derweil Simon stets glatt rasiert auftritt.

Allzu oft tritt das Problem nicht auf. Ihr Team Mitchelton-Scott plant für die Zwillinge meist unterschiedliche Rennprogramme. Für die Vuelta war Simon nach seinem Einbruch am Giro schon lange gesetzt gewesen, Adams Aufgebot als Edelhelfer kam erst spät und im Nachgang an seine sub­optimale Tour de France.

Simon Yates komplettierte den britischen Grands-Tours­Jahrgang nach den Siegen von Chris Froome am Giro und Geraint Thomas an der Tour. Er ist der erste Brite auf dieser Stufe, der nicht im Team Sky gross wurde. Dabei wäre Sky 2013 sehr an ihm interessiert gewesen. Aber nur an ihm, der in jenem Jahr auch Weltmeister im Punktefahren geworden war. Adam dagegen hatte es nie in die Bahnkader von British Cycling geschafft, wo sich Sky bevorzugt bedient.

Doch die Brüder mochten sich nicht trennen und wurden bei Mitchelton-Scott Profis. Die Australier liessen ihnen Zeit, führten sie behutsam an die grössten Rennen heran. Erst einige knapp verpasste Siege brachten sie ins Rampenlicht. Keiner so deutlich wie Simons Einbruch am Giro im Mai.

So attraktiv Simon Yates als offensiver Fahrer ist, so einsilbig ist er im Gespräch, sich von Floskel zu Floskel hangelnd. Das wurde seit 2016 nicht besser, nachdem er ohne Ausnahmegenehmigung das Asthmamittel Terbutalin eingenommen hatte. Teamintern wurde der Arzt dafür verantwortlich gemacht, Yates wurde vier Monate gesperrt. 
Seine nächsten Ziele hat Simon Yates bereits im Blick. Er will in zwei Wochen in Innsbruck Weltmeister werden – und 2019 am Giro nachholen, was ihm heuer misslang. Für Bruder Adam dürfte da die Tour bleiben. Kein schlechter Plan: Es ist eines der Rennen, in dem er (4./2016) bislang besser abgeschnitten hat als Simon (7./2017). 

Auszug aus Landbote (17-09-2018) Emil Bischofberger



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